Der nächste Schritt

Bertolt Brecht hat die Entwicklung des Theaters im 20. Jahrhundert entscheidend beeinflusst. Brechts Dramatik wird heute in Ost und West aus verschiedener Zielsetzung kanonisiert. Die DDR, die Brecht nach einiger Wartezeit die Möglichkeit gegeben hatte, das weiterzuentwickeln und inszenatorisch zu erproben, was er in der Emigration dramatisch und theoretisch erarbeitet hatte, gleichzeitig aber auch im Zeichen stalinistischer, kulturideologischer und ästhetischer Prämisse (Sozialistischer Realismus, Stanislawskischule), das epische Theater unter Formalismus verdacht gestellt und anfangs nicht wenig behindert hatte, reklamiert heute das Brecht – Werk als nationales Erbe. Brecht fordert die Trennung der Elemente des Theaters, Musik, Text, Bühne, Darstellungsform sollten im Widerspruch zueinander gestellt werden, um es dem Zuschauer zu erlauben, der erzählenden Fabel wieder – nach Trennung von Unterhaltung und Reflexion – mit Erkenntnisfähigkeit und – Freude zu begegnen.

Dieser Widerspruch kommt in der Dreigroschenoper am deutlichsten zur Geltung. Und in der Inszenierung mit den Protagonisten der «Dachschadengesellschaft» treibe ich diesen Widerspruch in folgender Art und Weise auf die Spitze, nämlich in Form einer Rockband, auch um einen Bezug zur heutigen Zeit zu definieren. Die nötige Vorarbeit dazu leisteten die Darsteller im Theaterstück «Der eingebildete Kranke» von Molière, durch exponiertes Spiel, tanzen und singen. «Die Dreigroschenoper» oder in der DSG-Fassung, «Der Dreirappenrock» (auch ein Bezug zur geographischen Bedingung der Inszenierung) stellt die Schauspieler der «DSG» vor einer weiteren grossen theatralischen Herausforderung. Ausserdem werden viele neue Gesichter in anspruchsvollen Rollen auf der Bühne zu sehen sein, was eine weitere Herausforderung für Regie und eine hohe Toleranz, Kooperation und Disziplin für das Neuzusammengesetze «Dreirappenrock»-Team der DSG bedeutet. Das aussergewöhnliche dabei ist, dass Musiker zu Schauspielern und SchauspielerInnen zu Tänzern und Sängern werden.

Kerstin Schult